Episode 506, 31. Mai 2018     zurück zur Übersicht

Lust auf ein bisschen Seelen-Striptease?
Die, die mich kennen, werden es wohl vermisst haben; Info an die, die mich nicht kennen, alles gut, macht Euch keine Sorgen!

Eigentlich geht es mir gut.
Heute oder gestern, ich weiß es schon gar nicht mehr ... vor 2 Jahren jedenfalls,
da kam die Info abends um halb 10, dass Jürgen in der Klinik, in der er seit einer Woche notfallmäßig war,
auf Intensiv kam, Verdacht auf Schlaganfall.

Das Drama fing ja eigentlich im Juni 2015 schon an, mit der im Grunde harmlosen Austausch-OP der Baclofen-Pumpe.
Da kam er 2 Tage post-op mit Verdacht auf Herzinfarkt auf Intensiv.
Und ausgerechnet auf Intensiv ("gute Frau, es ging um Leben und Tod, da interessiert uns kein Deku ..." - Arschloch!)
hat er sich einen fiesen Dekubitus am Rücken eingefangen, mit dem er ein gutes Jahr später auch eingeäschert wurde ...
meine Meinung ist ja, dass man das Ding hätte operativ verschließen sollen.
Was da über ein Jahr lang offen herumsifft, kann nicht gut für den Körper sein.
Aber nach über 30 Jahren Querschnitt auf dieser Höhe (C3/4), war sein Körper einfach so oder so am Ende, da hätte gar nix mehr geholfen.

Jedenfalls kam er dann im Mai 2016 notfallmäßig in die Klinik, weil ihm der Blutdruck zu sehr in die Höhe schoss ...
Der "Witz" daran: Er hatte 1999, wenige Tage nach unserer Hochzeit, eine OP, die verhindern sollte,
dass ihm der Blutdruck zumindest aufgrund der Blasen-Problematik zu sehr in die Höhe schießt,
weil "jetzt machen Sie das noch mit, aber wenn Sie erst mal 50 sind, kann das auch schnell in einem Schlaganfall enden!". Ach so ...

Und das ist schon ein bisschen scheiße, wenn man bedenkt, was uns diese OP 1999 so alles abverlangt hat.

Und jetzt, nach fast 20 Monaten stelle ich fest, dass "es geht".
Ich heule nicht mehr bei jeder Schnulze los (und ich gehöre zu den Idioten, die jeden Liedtext nicht nur hören, sondern ihn auch verstehen ...),
ich kann im Fernsehen "aus Versehen" doofe Liebesfilme gucken, ohne mit dem Schicksal zu hadern. Ich bin emotional stabil geworden.
Gut schlafen kann ich ja schon seit fast einem halben Jahr wieder. Das kam ganz plötzlich und unerwartet, echt jetzt ;-)

Dabei träume ich viel von Jürgen, auch durchaus realistische Situationen. Aber die Träume sind allesamt schön und harmonisch.
Sofern man als Witwe behaupten kann, schön und harmonisch von seinem verstorbenen Ehemann zu träumen ...
Jedenfalls wache ich entspannt auf und bin nicht traurig. Und deswegen geht es mir gut!
Eigentlich ... denn natürlich vermisse ich ihn, natürlich will ich ihn wieder zurück, natürlich finde ich es scheiße, mit fast 54 Jahren Witwe zu sein,
den Mann verloren zu haben, mit dem ich noch weitere 20 Jahre hätte glücklich sein wollen!
Aber hey, wir hatten uns immerhin 20 Jahre!
Und 2014 war noch ein sehr gutes Jahr, mit einem supertollen Urlaub in der Bretagne und unserer gemeinsamen Geburtstagsparty zu unserem 50.

Ich denke nicht mehr, dass ich die Zeit zurückdrehen möchte und ich steigere mich nicht mehr in seinen Verlust hinein.
Anfangs ging das nur mit massivem Verdrängen der Situation, inzwischen ist es "normal" geworden.
Ich lebe einfach, und ich versuche bewusst, gut und intensiv zu leben, ich lebe jetzt sozusagen für ihn mit.
Denn auch bei mir kann es morgen vorbei sein!
Genau genommen kann doch niemand sagen, wie lange er selbst noch leben wird, auch ohne Querschnittlähmung!
Also, macht was aus Eurem Leben ...genießt es zumindest einfach ;-)

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